KiöR Künstler*innen

Anke Völk

www.anke-voelk.de/

Installation / Objektkunst, Malerei



Index

Text

Text von Susanne Prinz anlässlich der Einzelausstellung in der Kienzle Art Foundation 2017 in Berlin:

Anke Völk

CHROMAINTENSITY

Früher glaubte man, jede Materie wäre von einer Seele belebt, Metalle wurden Gemütslagen
zugeordnet und Farben waren die Substanz philosophischer und religiöser Dispute, die sich in
lapisblauen Marienmänteln, braunen Büßergewändern und kaiserlichem Purpurprivileg äußerten. In
diesem Universum hatte alles seinen Platz bis die Wissenschaft damit aufräumte. Stattdessen
wurden Licht und Farbe miteinander in Beziehung gesetzt. Grundlage aller weiteren Forschung
über das Wesen der Farben war Sir Isaacs Newtons Erkenntnis, dass „alle Farben in der Welt, die
durch Licht erzeugt sind und nicht von der Einbildungskraft abhängen, entweder Farben
homogenen Lichts sind oder aus solchen zusammengesetzt“. In der Folge ermöglichten Chemie,
Optik und nicht zuletzt die Informatik ein Spektrum, das in unseren Tagen erstmals Farben in den
bunten Flächen künstlich erzeugter Töne wieder mit derselben Kraft und Wirkung funkeln lässt wie
zu Zeiten, als diese noch kostbar waren und RAL-Nummern unbekannt.

Dass es noch heute Malerei gibt, in der man
die Gespenster potenter Farben in
einem Spiegel anschauen kann wie Perseus die Medusa auf seinem bronzenen Schild, erkennt man in Anke Völks
neuen, raumgreifenden Installationen
Chromaintensity in der Kienzle Art Foundation
. Die Berliner Malerin hatte allenfalls in frühen Jahren den Ehrgeiz, an die Welt angelehnte Bilder zu schaffen.
Während sie damals Projektionen über und neben real in den Raum verbrachte Zeichnungen und
Bilder legte, ordnet die Künstlerin nunmehr schillernde Papiere auf Leinwänden, deren matte
Oberflächen mit Wandfarbe gestrichen scheinen. Diese bringt sie auf fragmentarischen, tapetenartig
verklebten Wandverkleidungen an, die sich aus denselben gestrichenen Einzelbögen zusammensetzen, die auch die autonomen Bilder bestimmen.Klug gewählte Durch- und Einblicke in benachbarte Räume ergänzen sich zu einem visuellen Wirkungsbereich, der die vorhandene
Architektur so selbstverständlich miteinbezieht, dass sich der Objektstatus einzelner Bilder im
dominierenden Raumeindruck verliert.

Wegen der Art wie die Elemente von
Chromaintensity in blaugrünvioletten Weiten schweben, ist
man geneigt zu sagen, dass diese Arbeiten wie oft bei zeitgenössischer, abstrakter Malerei – zumal
wenn sie unmittelbar auf die Wand aufgetragen wird - als reine Gestalt funktionieren, als
verdichtete Farbpräsenz,in die man sich hineinbegibt statt sie von außen zu betrachten. Tatsächlich
gerät man bei Betreten der Ausstellung unmittelbar in einen chromatischen Rausch.
Farbige und weiße Flächen und Felder unterschiedlichster Intensität und Charakters sind einander
gegenübergestellt. Flüssige, quecksilbrige Farben in kühlen Nuancen stehen gegen dichte rote Töne
von Schockpink bis hin zu einem bräunlichen Bordeaux, während anderswo die chromatische
Wirkung von Petrolgrün extemporiert wird.
Entscheidend aus der Balance geworfen erden die
Räume merkwürdigerweise genau in dem Moment, in dem das notorische Drängen der Farben auf
den an sich formal einheitlichen Papieren durch Kratzer, Schrammen und brutale Risse gestört wird.
Die fragmentarische Natur der Wandarbeiten entwickelt an dieser Stelle eine ausgesprochen
prozesshafte, fast erzählerische Qualität.

Das ließe sich gegebenenfalls als fantastischer Taschenspielertrick deuten, um die Kernfrage der
Moderne irgendwie in den Griff zu bekommen, um die es sonst fast ausschließlich in der
ungegenständlichen Malerei geht: Wie kommen Blick und Bild im Spannungsfeld von Wahrnehmungsphysiologie,
dem Malen anhaftenden Produktionsbedingungen wie Farbgesetzen und Fläche-Raum-Problemen, von
Philosophie, gesellschaftlicher Konventionen und einer
übermächtigen Kunstgeschichte im Realraum zusammen? Kurz, wie kann man heute, wo jedes Bild
irgendwie mit jedem verwandt ist, überhaupt noch im abstrakten Feld agieren?

Völks Antwort ist ein luministisch-atmosphärischer Erlebnisraum, der das Materielle mit dem
Immateriellen in Beziehung bringt.
In ihm führt die Künstlerin die Farbe wieder auf ihre
ursprünglichen Bestandteile, nämlich das Licht und den Untergrund, von dem das Licht reflektiert
wird, zurück. Das Ergebnis dieser Analyse des dynamischen Potentials von Farben sind metallisch
glänzende Oberflächen mit der luziden Qualität von Wasser. Das Quecksilbrige, potentiell
Raumgreifende der unmittelbar auf die Wand aufgebrachten farbigen Blätter hält zunächst einzig ihr
unfertiger Charakter in Schach. Die strenge Rahmenkonstruktion der als Bild im Bild erscheinenden
Leinwände weist zusätzlich formale Grenzen auf, so dass die kühlen Farbfelder im Hintergrund
nichts an Strenge verlieren.

Es klingen hier Ideen an, die so ähnlich schon mal um 1960 formuliert wurden, als sich die Zero-
Künstler Piene, Mack und Uecker in die documenta putschten und dort ihren Lichtraum errichteten.
“Das Licht macht die Kraft und den Zauber des Bildes, seinen Reichtum, seine Beredtheit, seine
Sinnlichkeit, seine Schönheit aus“, postuliert Otto Piene damals emphatisch. Währenddessen
strebte sein Ateliernachbar Heinz Mack die Ablösung der Komposition im Bild durch Strukturzonen
an, in denen Farben in dynamischer Farbmodulation vibrieren sollten. Konkret zog er zügig einen
Rakel durch die frische, auf einer Kunstharzschicht aufgetragene Farbe und löste sie so teilweise
wieder von der Oberfläche.

Völk behandelt die Papiere, aus denen sich die Wandarbeiten zusammensetzen, ganz ähnlich. Nur
sind ihre schillernden Farben im Vergleich zu Macks spröden schwarz-weißen Bildern ungleich
berauschender. Dafür zieht sie mit einem extra breiten Pinsel die flüssig angerührten metallischen
Pigmente mit wenigen großen Gesten über die in Bahnen ausgelegten Zeichenblätter und nimmt
anschließend an verschiedenen Stellen wieder etwas Farbe weg bevor diese antrocknet. Später wird
sie aus den Blättern auswählen, was ihr zur Weiterverarbeitung geeignet erscheint.
Es liegt nahe diesen Arbeitsprozess als Zufallsexperiment zu beschreiben, dass vor der Folie
einer langen Malpraxis abläuft und infolgedessen nicht nur beherrschbar sondern sogar gezielt steuerbar
ist. Die etwas älteren Skulpturen im Kabinett der Kienzle Art Foundation bestätigen diese Ansicht.
Sie sind das Resultat eines entsprechenden stochastischen Spiels. Das erste Exemplar entstand eher
zufällig beim Versuch ein übergroßes farbgetränktes Papier zu trocknen. Die Künstlerin verfeinerte
die Technik und stellte eine ganze Gruppe dieser echsenfarbigen Faltenberge her, die frappierend
den körperlosen pleurants des 15. Jahrhunderts gleichen.

Tatsächlich haben alle Arbeiten Anke Völks etwas von der essentiellen, komplexen Qualität
vormoderner Bildauffassungen bewahrt, in denen Bild- und Realraum ineinander übergingen und
Assoziationen und Widersprüche blühen konnten. Das löst sich manchmal metaphorisch ein, wie in
dem notorischen Drängen der Wandkonstellationen, die sich über das sukzessive Etablieren von
Farbwelten in verschiedenen Ebenen konstituieren. Oder buchstäblich, wenn sich wie in den vier
mattschwarzen Bildern aus Aluminium, die als Schattenwesen zwischen all den Lichtgestalten
hängen, die Bildfläche von der Wand weg gefährlich in den Raum hinein aufblättert.

Letztlich ist es aber egal ob sie ortsspezifisch in der Architektur oder autonom auf Papier, Leinwand
oder Aluminium auftritt, was diese Malerei im Innersten ausmacht, ist Gespür für die emotionalen
Möglichkeiten abstrakter Farben und Formen. Das lässt sich nicht erzählen sondern in aller
Intensität nur unmittelbar erleben.


Vita

geb. in Idar-Oberstein, lebt in Berlin
1994-2000 Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe,
Meisterschülerin von Helmut Dorner

Ausstellungen (Auswahl):

2018 "ON", Drawing Room ,
Hamburg (Einzel)

2018 "Botschaft", Botschaft, Berlin (Einzel)

2018 "MIND THE GAP", mit Frank Maier,
LAGE EGAL, Berlin (Einzel)

2018 "Crab meets Gap", mit Frank Maier,
Städtische Galerie Waldkraiburg ,
Waldkraiburg (Einzel,Katalog)

2018 "Die Landschaft", Bar Babette, Berlin

2017 "image/reads/text","The Happy Fainting of Painting #2",
curated by_Hans Jürgen Hafner & Gunter Reski,
Galerie Krobath, Wien

2017 "CHROMAINTENSITY", Kienzle Art Foundation,
Berlin (Einzel, Katalog)

2017 "Silent Empire", kuratiert von
Janine Eggert & Sibylle Jazra,
Silent Empire, Funkhaus, Berlin

2017 "Berlin Berlin", Kosmetiksalon Babette, Berlin
2017 "The Real Estate Show Extended/Berlin", Kunstpunkt, Berlin
2017 "ENDE NEU", LAGE EGAL, Raum für aktuelle Kunst, Berlin
2016 "in between", Einraumhaus c/o Mannheim, Mannheim
2016 Drawing Storage #3, invited by Giovanna Sarti
2016 "pophits", Palais Breuner, Wien
2016 "Norm wird Form", Edition Norm @ Lage Egal, Berlin
2016 "frohe Botschaft", Botschaft, Berlin
2016 "Intro", Galerie Gilla Lörcher, Berlin
2015 "You knee them in the chin...", Spor Klübü, Berlin
2015 "Garten a.V.", frontviews, Kunstquartier Bethanien, Berlin
2015 "...and I'm not happy and I'm not sad", GLUE @ Kunstquartier Bethanien, Berlin
2015 "The Island Show", Kant Temporary, Fanø, Denmark
2015 "By-Products", editiert von Zoë Claire Miller, HAL im Ausstellungsraum der IG-Metall, Berlin
2015 "aLL Up", Bar Babette, Berlin
2015 "L'oiseau présente: be abstract", Kunstverein Schwäbisch Hall, Schwäbisch Hall
2015 "Påskeudstillingen", Kant Temporary, Fanø, Denmark
2015 "L'oiseau présente: be abstract", Ballhaus Ost, Berlin
2015 "Plakativ IV", Galerie Altes Rathaus, Worpswede
2014 "Konzentrat", Koffer, Berlin
2014 "Edition Norm, Issue N° 3", Kosmetiksalon Babette, Berlin
2014 "Show me (your Idols)", Kreuzberg Pavillon, Berlin
2014 "Medium Rare", Gallery Kant, Copenhagen
2014 "solos III", Ozean, Berlin
2014 "rip, cut, grow", L'oiseau présente, Berlin
2014 "Romantica", Emotional Rescue Shows, Berlin
2014 "Plakativ III", Plakatausstellung, Weltraum 21, Salzburg
2014 "Der Garten der Pfade, die sich verzweigen. II", L'oiseau présente, Berlin
2013 "REMIX_10 years in the mix", Spor Klübü, Berlin
2013 "Chamäleon Lila", L'oiseau présente @ Ballhaus Ost, Berlin (solo)
2013 "Abrisse", Koffer, Berlin (solo)
2013 "Rituals of Exhibition II", H Gallery, Chiang Mai, Thailand
2013 "Light Space Projects", Phayao, Thailand
2012 "Chains", HORSE, Boxhagenerstr. 93, Berlin, curated by
Dani Jakob, Gabriel Vormstein, Sebastian Hammwöhner
2012 "Alternative Entrance", Kunstbunker Nürnberg, Nürnberg
2012 "Berlin Non Objectiv", SNO contemporary art projects, Sydney, Australia
2011 "Dorothea", Ancient & Modern, London
2011 "a regular evening walk", l´oiseau présente, Ballhaus Ost, Berlin
2011 "la promenade imaginaire", Galerie der Künstler, Munich
2011 "pop hits",Tanzschuleprojects, Munich and Autocenter on location "Based in Berlin", Berlin
2010 "Der Garten der Pfade, die sich verzweigen" ( l´oiseau présente / Ballhaus Ost ), Berlin
2010 "concert", Stedefreund, Berlin
2010 "Remix 6", The Forgotten Bar, Galerie im Regierungsviertel, Berlin
2010 "Amphisbaena",The Forgotten Bar, Galerie im Regierungsviertel, Berlin
2009 "Nelson Mandela must be free ", Spor Klübü, Berlin
2009 "mit Papier II ", galerieGEDOKmuc, Munich
2008 "Subconchicness", Ballhaus Ost, Berlin
2008 "Jeder Mensch ist ein Künstler", Spor Klübü, Berlin
2007 "Und#2", Karlsruhe, showroom Berlin
2007 Politische Akademie, Tutzing
2007 "Slörrrrr wip wop wop ", Spor Klübü, Berlin
2006 "La Boum I", Galerie Ben Kaufmann, Munich (catalogue)
2006 "La Boum II", Sies + Höke Galerie, Düsseldorf (catalogue)
2006 "Wir hätten das Land gern weit und rund und Sie...",showroom, Berlin (catalogue)
2006 "Blick in den Eimer", Kampagne, Berlin
2005 "squiffy squab & spunky sylph", (with Simone Lanzenstiel), Maximilianhöfe, Munich, (solo)
2004 "Experimentelle 13", Schloss Randegg, Gottmadingen
2004 "Spacemakers" (sub11) lothringer13, Munich
2004 "Ortswechsel 2003", Kunststipendiaten des Landes Rheinland-Pfalz, Schloss
Waldthausen, Budenheim
2003 "Dem Auge der Eule entgeht keine Bewegung", lothringer13/werkstattstudio,
Munich (solo, catalogue)
2003 "Die ersten Jahre der Professionalität 22", Galerie der Künstler, Munich (catalogue)
2003 "Skala, von Schwarz bis Weiss", Regierung von Oberbayern, Munich
2003 "Ein Marienbild für heute", Diözesanmuseum, Freising (catalogue)
2003 "Niemand", Sub11, Munich
2002 "Quivid I", (Sub11) im öffentlichen Auftrag, Techn. Rathaus, München
2001 Heinsteinwerke, Atelier Kontraste, Heidelberg
2001 "22.Juni", Sub11, München (catalogue)
2001 "Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel", 2yk Galerie, Berlin
2001 "Harras", Atelier Wilhelmstrasse 16, Stuttgart-Bad Cannstatt
2000 "Queens", Queens-Hotel, Karlsruhe (catalogue)

Werke in Institutionen/Sammlungen:

Stadt Karlsruhe; Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur, Rheinland-Pfalz; Landesbank Baden Württemberg; Privatsammlungen.

Preise/Förderungen:

2012 Atelierförderung, BBK, Berlin
2005 Bayerisches Atelierförderprogramm
2004 Arbeitsstipendium Stiftung Kunstfonds, Bonn
2003 Burgundstipendium, Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung
und Kultur, Rheinland-Pfalz
2002 Debütantenförderung des Bayerischen Ministeriums für Forschung,
Wissenschaft und Kunst (Debütantin der GEDOK)
2002 Reisestipendium Paris, Kunstakademie Karlsruhe
1999 Preis der Stadt Karlsruhe
1998 Ökologie-Förderpreis, AEG- Nürnberg
1996-2000 Stipendium Evangelisches Studienwerk e.V. Villigst

Kuratorische Projekte:

2016 "ONE NIGHT STAND #7", Performance by Catherine Lorent, L'oiseau présente, Chora, KW Institute for Contemporay Art, Berlin
2014 "Wortbilder", Iréne Hug, Marcus Neufanger, Manfred Peckl, Gunter Reski, L'oiseau présente, Ballhaus Ost, Berlin
2011 "a regular evening walk", Sven-Ole Frahm, Shila Khatami, Frank Maier, Bertold Mathes, Klaus-Martin Treder, Anke Völk, L'oiseau présente, Ballhaus Ost, Berlin
seit 2010 Mitgründerin und -Kuratorin des Ausstellungsprojektes L'oiseau présente: www.loiseaupresente.blogspot.com